Das kommt in den besten Familien vor! Wieso Auseinandersetzungen in Teams dazu gehören.

Von Annika Schmidt und Sabine Walter

Wer wünscht sich das nicht: ein gut funktionierendes Team, in dem die einzelnen Mitglieder wie Zahnräder ineinandergreifen, sich perfekt ergänzen, unterstützen und wie ein reibungsloses Ganzes auftreten. Entsprechend wird viel Zeit und Überlegung in die Zusammensetzung von Teams gesteckt. Neue Teammitglieder werden auf ihre Teamfähigkeit und „persönliche Passung“ genauestens geprüft. Reibungen sollen dabei möglichst vermieden werden, denn diese könnten ein Hinweis sein, dass die Zusammenarbeit nicht „wie geschmiert“ läuft und die Mitarbeiter noch keine wirkliche Einheit bilden. Was dabei grundlegend übersehen wird: Reibung entsteht nicht bei Distanz, sondern bei Nähe.

Nähe führt zu Reibung

Ebenso wie eine Familie bildet jedes Team ein eigenes (kleines) System, dessen Elemente sich stets im Spannungsfeld zwischen kollektiver Zugehörigkeit und individueller Einzigartigkeit bewegen. Wird ein Team neu zusammengesetzt, streben die Mitglieder in der Regel zunächst danach, die Gemeinsamkeiten zu finden, um noch schneller eine Vertrauensbasis herzustellen. Es wird ein gemeinsames Ziel oder Mission Statement formuliert.

Ist das Wohin klar und wird es von allen Teammitgliedern getragen, sind auch diese bereit, zumindest in den meisten Fällen, die persönlichen Ziele dem Teamziel unterzuordnen. Schränkt jedoch das Teamziel zu stark die individuelle Entwicklung der einzelnen Mitglieder ein, beginnt in guten Teams das offene „Auseinander-setzen“. Distanz und Nähe werden neu „verhandelt“.

Wie aus systemischen Ansätzen inzwischen bekannt ist, herrschen in jedem System Dynamiken zwischen der Systemebene und der Ebene der Systemelemente. So finden im Team immer sich wechselseitig bedingende Bestrebungen zwischen Ein- oder Unterordnen bzw. Kooperieren und Konkurrieren statt. 

Das bedeutet allerdings auch, dass diese Auseinandersetzungen nicht nur am Anfang eines Teambuilding-Prozesses vorkommen, sondern solange Bestandteil des Miteinanders sind, wie das System, also das Team, besteht. Wesentlich ist dabei, dass Auseinandersetzungen nicht als Störungen, die Individuen nicht als Störenfriede angesehen werden. Der Wechsel zwischen „Ruhe und Sturm“ ist, wie in jeder Familie, Teil der Dynamiken. Wenn diese Wechsel mit Wertschätzung angenommen werden, kann Reibung sehr konstruktiv sein.

Konstruktive Reibung als Zeichen von Vertrauen

Folgende Fragen helfen Ihnen zu ergründen, wie konstruktiv die Reibung ist und wie Sie eine gute Balance zwischen Wertschätzung des Einzelnen und dem Einbringen ins Team austarieren.

  • Wie klar und verbindlich sind Rollen, Aufgaben und Verantwortlichkeiten geregelt?
  • Wie transparent sind Entscheidungen, die getroffen werden?
  • Wie gut werden getroffene Entscheidungen umgesetzt?
  • Wie offen können Probleme besprochen werden?
  • Wie offen ist der Erfahrungsaustausch?
  • Wie stark ist das Vertrauen untereinander?
  • Wie gut ist die gegenseitige Unterstützung?
  • Wie werden Erfolge gefeiert?
  • Wie stark fühlt sich jeder Einzelne gesehen und wertgeschätzt?
  • Wie stark fühlt sich jeder Einzelne dem Team zugehörig?

Es ist nicht immer leicht, im hektischen Tagesgeschäft die Balance zwischen Zusammen- und Auseinandersetzung, Nähe und Distanz zu halten. Deshalb ist es um so wichtiger, dass Teams sich in regelmäßigen Abständen Zeit für das eigene Miteinander und die Wertschätzung der individuellen Unterschiede nehmen.

Mit einem besonders für proxemische Zusammenhänge geschulten Blick, Fingerspitzengefühl und Prozessvertrauen verstehen wir es, in Teamprozessen Auseinandersetzungen Raum zu geben, sie wertschätzend sichtbar zu machen und konstruktiv für ein vertrauensvolles Miteinander im Team zu nutzen.

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