Wenn Deutschland wüsste, was Deutschland weiß. Eine Wissensgesellschaft in Theorie und Praxis.

Von Sabine Walter

Unternehmen investieren mittlerweile viel in Wissensmanagement. Sie haben verstanden, dass es auch für den Erfolg des Unternehmens wichtig ist, Wissen für alle zugänglich zu machen. Wissen als Machtinstrument verliert an Bedeutung. Doch Unternehmen merken auch, dass Wissensmanagement-Systeme allein nicht ausreichen, um das Wissen, was im Unternehmen vorhanden ist, transparent zu machen. Zentraler Erfolgsfaktor ist auch hier der Mensch. Dass es vielen Menschen immer noch schwer fällt, ihr Wissen bereitwillig allen zur Verfügung zu stellen, liegt auch an unserem Schulsystem.

Schule konterkariert Entwicklungen in Wirtschaft & Gesellschaft

Denn in der Schule wird das Teilen von Wissen z.B. durch “vorsagen” oder “abschreiben lassen” bestraft. Das zeigt einmal mehr, dass wir unser Bildungs- und Schulsystem dringend reformieren müssen, um jungen Menschen das zu vermitteln, was im späteren Leben gebraucht wird.

Das Bildungssystem einer Gesellschaft sollte die Weiterentwicklung einer Gesellschaft fördern. Es sollte Vorreiter sein. Schule und Universitäten sollten jungen Menschen nicht nur die Freude am Lernen und an der persönlichen Weiterentwicklung erhalten, sie sollten die Jungend auch auf das vorbereiten, was sie im späteren Leben brauchen und was es ihnen ermöglicht, einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gesellschaft zu leisten. Das ist in Deutschland schon lange nicht mehr der Fall.

Deutschland – eine Wissensgesellschaft in der Theorie.

Wir sind eine Wissensgesellschaft – zumindest in der Theorie. Da wir nur als solche Bestand haben werden, müssen wir bei der praktischen Umsetzung signfikante Fortschritte machen und erkennen, dass es von zentraler Bedeutung ist, mit welcher Haltung wir Wissen teilen und nutzen. Miteinander und voneinander zu lernen; generationen- und fachgebietsübergreifend; ist bei der Suche der besten Ideen entscheidend. Dazu braucht es zum einen den Willen, den anderen zu hören, es braucht zum anderen aber auch den Mut, sich einzubringen.

Dass jeder sich einbringt, und damit Teil des kreativen Entwicklungsprozesses in ganz verschiedenen Teilen der Gesellschaft, vor allem aber auch in den Unternehmen ist, gehört in Skandinavien bereits zum Standard. Was ist dort anders? Dort legen die Schulen bereits den Grundstein dafür. Das in deutschen Schulen andauernde “Wissen ist Macht”-Prinzip gibt es dort nicht. In schwedischen Schulen beispielsweise bleiben die Schüler in den ersten 9 Jahren in einer Schule zusammen. Sie haben damit die Möglichkeit, stabile Beziehungen zueinander aufzubauen, einander gut kennenzulernen, zu helfen, Stärken gemeinsam zu entdecken und Schwächen gemeinsam abzubauen.

Ferner haben die Kinder in Schweden die Möglichkeit, ab der 5. Klasse bereits ihren Schulalltag selbst zu strukturieren. Sie legen fest, in welchen Themenbereichen sie allein arbeiten, in welchen Bereichen sie mit anderen Schülern in der Gruppe lernen und wann sie intensiv mit dem Lehrer arbeiten möchten. Schwedens Schulen sind Orte der Begegnung. Lernen macht Spaß. Den Schülern werden nicht nur Fachinhalte vermittelt, es wird vor allem auch die Persönlichkeitsentwicklung stark gefördert.

Hier ist im deutschen Schulsystem dringender Handlungsbedarf. Als Wissensgesellschaft brauchen wir selbstbewusste Persönlichkeiten, die sich gern in der Gruppe im konstruktiven Diskurs austauschen. Wir brauchen Menschen, die gern Wissen in eine Gemeinschaft geben und Impulse aus dieser offen für die Entwicklung ihrer Ideen und ihrer Persönlichkeit aufnehmen. Daher sollten unsere Schulen dringender denn je

  • Grundlagen für einen offenen Wissensaustausch in einer Gemeinschaft legen,
  • zum freien Äußern von Ideen und Meinungen ermutigen und
  • Schülern das Handwerkszeug für eine sachlich fundierte Debatte vermitteln.

Zwei Bildungsprojekte, die diese Kompetenzen vermitteln bzw. Schulen darin unterstützen, diese Kompetenzen zu vermitteln, stellen wir hier vor:

Zwei Bildungsprojekte mit Vorbildwirkung

Es gibt in Deutschland zahlreiche Projekte, die das tun, was eigentlich Aufgabe der Schulen wäre. Zwei davon, für die wir uns engagieren, stellen wir an dieser Stelle vor:

  • Jugend debattiert: Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und wird von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und der Heinz Nixdorf Stiftung in Kooperation mit der Kultusministerkonferenz, den Kultusministerien und den Parlamenten der Länder gefördert. Ziel des Projektes ist es, bei Schülern die Lust am sachlichen Austausch zu gesellschaftlichen Themen zu wecken, zu fördern und sie in der Kompetenz der sachlichen Debatte zu schulen.

    Viele Kollegen unseres Teams sind Teil des Trainerteams von “Jugend debattiert” und bilden Schüler und Lehrer entsprechend aus.
  • Schule im Aufbruch: Das u.a. von Gerald Hüther gegründete Projekt ist eine Initiative, die zeigt, dass Lernen begeistern kann. Schule-im-Aufbruch möchte Schulen zu Orten der Potenzialentfaltung weiterentwickeln. Lernen soll Spaß machen, Neugierde an der eigenen Entwicklung wecken und erhalten. Es soll an Schulen ein Lernkultur gelebt werden, die aus Wertschätzung, Vertrauen und Verantwortung, Sinnstiftung und echten Beziehungen besteht.

    Dieses Projekt unterstützen wir finanziell.

Als Wissensgesellschaft wird Deutschland sich nur weiterentwickeln, wenn der Austausch von Wissen und Erfahrung für jeden von uns selbstverständlich wird. Damit das gelingt, muss unser Schul- und Bildungssystem das Lernen nicht als individuelles auswendig Lernen begreifen, sondern als offenen Austausch in der Gemeinschaft. Bis dies der Fall ist, sollten wir alle Bildungsprojekte unterstützen, die dazu beitragen, die Fach- und Führungskräfte von morgen in ihrer Persönlichkeit auszubilden und so Deutschland den Schritt zur echten Wissensgesellschaft ermöglichen.

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