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Persönlichkeitstests und ihre Alternativen

von Sabine Walter

Wir kennen sie. Die Persönlichkeitstests. Ob DISG, Insights MDI oder MBTI ... Alle verfolgen ein Ziel: Sie wollen uns schnell einen Überblick geben, wer wir sind. Das soll uns helfen, uns besser zu verstehen und auch mit anderen besser zu interagieren.

Die Gefahr, die diese Test bergen, ist dass sie uns und andere in Schubladen stecken.

Ich möchte mit Ihnen in diesem Zusatz-Newsletter vom Juli tiefer in diese Nachteile eintauchen und Ihnen Alternativen zu den Tests schenken.

Multicultural people - Unternehmensführung - managementberatung | coaching
"Ich bin ein blauer Typ."

Hypothese:

Mal angenommen, wir haben, wenn wir auf die Welt kommen, nur 10-20 % unseres eigentlichen Potenzials zur Verfügung und erhalten damit das Geschenk, die restlichen 80-90% im Laufe unseres Lebens zu entdecken.

Wozu führen dann Persönlichkeitstests?

Schauen wir uns das am Beispiel vom Tom an.

Tom wächst in einem Akademiker-Haushalt auf. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter hat eine Professur an der Uni. Naturwissenschaften liegen Tom. Er ist jemand, der mit Zahlen brilliant umgehen kann.

Als es darum geht, den nächsten Schritt nach dem Abitur zu planen, rät ihm seine Mutter, doch mal einen Persönlichkeitstest zu machen. "Dann weißt du, wer du bist und findest das Studium, das zu dir passt."

Tom macht einen Test, erfährt, dass er "ganz klar ein blauer Typ" ist, entscheidet sich für ein Ingenieurstudium und beginnt das direkt nach der Schule. Die Trauer über die fehlende Weltreise ist schnell vergessen.

"Das ist nichts für mich.
Ich bin ein blauer Typ."

Als im Studium ein Kreativworkshop angeboten wird, in dem es darum geht, sich technischen Fragestellungen unter Anleitung von Künstlerinnen und Künstlern auf andere Art und Weise zu nähern, meldet sich Tom nicht an.

"Das ist nichts für mich. Ich bin ein blauer Typ. Ich brauche Zahlen und Fakten, damit ich arbeiten kann.", ist Toms Antwort auf die Frage eines Kommilitonen.

Was ist passiert?

Tom hat sich mit dem Ergebnis des Tests identifiziert. Er beschränkt sich bewusst auf diesen Teil seiner Persönlichkeit und merkt dabei gar nicht, wie er unbewusst den großen Anteil seiner Potenziale ausblendet.

Das Für und Wider der Persönlichkeitstests

An diesem Beispiel sehen Sie das Für und Wider der Persönlichkeitstests.

Auf der einen Seite macht der Test uns Verhalten bewusst und schenkt uns damit Orientierung. Auf der anderen Seite kann durch das Ergebnis eine Absolutheit in der eigenen Wahrnehmung entstehen, die die freie Entfaltung unseres Potenzials blockiert. Wir bleiben deutlich unter unseren Möglichkeiten und damit auch unter unserer Wirksamkeit.

Ich weiß, dass viele Personalberater und Unternehmen mit diesen Tests arbeiten. Damit versuchen sie Persönlichkeit messbar zu machen.

In meinen Trainings oder Coachings, erlebe ich auch, dass mir Teilnehmende oder Coachees erläutern, warum es in dieser oder jener Situation für sie überhaupt keinen Sinn macht, ihre Komfortzone zu verlassen oder bestimmte Verhaltensweisen zu ändern: Sie seien halt so.

Doch: Wir sind so viel mehr!!

Alternativen auf dem Weg der Potenzialentfaltung

Hinter jeder "Schwäche" liegt ein Potenzial.

Aus meinem eigenen Entwicklungsprozess und aus meiner gut 15-jährigen Arbeit mit ganz verschiedenen Persönlichkeiten weiß ich: Hinter jeder Schwäche liegt ein Potenzial. Manchmal dauert es etwas länger, dieses freizulegen, manchmal eröffnet es sich uns ganz schnell, wenn wir den Fokus in das Feld setzen und es mit der Neugierde eines Kindes betreten.

Was können wir nutzen, um Orientierung auf dem Weg der Potenzialentfaltung zu erhalten?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Orientierung in der Fülle möglicher Lebens- und Entwicklungswege zu finden. Schlüssel ist der Bezug zu sich selbst, das Eintauchen ins Innere, das Gespür für das, was einem jetzt wichtig ist.

Das Instrument, das Sie dabei ganz praktisch nutzen können, ist das Instrument der Fragen.

  • Was macht mich aus?
  • Wobei fragen mich andere um Rat?
  • Was kann ich besonders gut?
  • Was macht mir Freude?
  • Bei welchen Tätigkeiten verliere ich das Zeitgefühl?
  • Bei welchen Tätigkeiten vergesse ich alles andere um mich herum?

Diese und andere Fragen können Sie nutzen, um Ihre aktuellen Stärken und Interessensfelder zu ermitteln. Am besten, Sie schreiben es sich auf, legen eine Mind-Map oder ein Mood-Board an.

Haben Sie für sich einen Überblick gewonnen, gehen Sie in den Austausch dazu. Suchen Sie sich einen erfahrenen Mentor, einen Coach oder aber einen Freund, eine Freundin, die Sie in diesem Prozess als Sparringspartner oder Sparringspartnerin unterstützt.

Welch roter Faden zieht sich durch Ihr Leben? Welche Cluster lassen sich bilden? Welche Erfahrungsräume mit diesen Clustern eröffnen? Vielleicht werden aber auch Blockadefelder sichtbar? Dann lohnt es sich, in diese einzutauchen, denn hinter jeder Blockade möchte ein Potenzial ins Fließen kommen.

Zusammengefasst heißt das:

  • Stärken und Interessen notieren
  • Sparringspartner finden, der die Meta-Perspektive einnimmt und dadurch neue Perspektiven, Fragen und Impulse in den Raum geben kann
  • Einen ersten Schritt gehen, um zu erfahren, auszuprobieren und wahrzunehmen, wie sich das anfühlt
  • Blockaden Stück für Stück transformieren
Wir sind bunt und Teams sollten es auch sein

Praxisbeispiel:

Ich berate gerade ein Team in einem komplexen Konfliktfall. Der Konflikt hat im Lauf der Jahre seine Dynamik entfaltet und ist in den letzten 3-4 Monaten eskaliert, so dass die Situation als "Lose-Lose" beschrieben werden kann und viel Gespür in die mehrstufige Konfliktanalyse fließen muss.

Was hat sich in dieser Analyse-Phase gezeigt?

Im Rahmen der Konfliktanalyse hat sich gezeigt, dass das Fehlen von Strukturen und Führung auf der Sachebene, das Fehlen von Wertschätzung füreinander auf der Persönlichkeitsebene große Felder dieses Konfliktes sind.

Es hat sich aber auch gezeigt, dass 5 der 6 Mitglieder in der Kreativität und Selbstverwirklichung ihre zentrale Stärke verorten.

Bunt ist anders.

Jetzt ließe sich einwenden: Hätte man vor der Einstellung einen Persönlichkeitstest durchgeführt, hätte man gemerkt, dass das Team so nicht funktionieren kann. Der Konflikt hätte vermieden werden können.

Das stimmt.

Welche Chance hätte man dadurch dem Team und jedem einzelnen Mitglied genommen? Die Chance, sich individuell und im Miteinander zu entwickeln.

Was meine ich damit?

Im Rahmen eines Teamworkshops fokussieren wir auf die Glaubenssätze, die die Teammitglieder aktuell davon abhalten, die eigene Kreativität in eine harmonische Ordnung zu bringen, so dass das gemeinsame Wirken einem natürlichen Fluss folgen kann. Wir arbeiten spielerisch und in einem wertfreien Rahmen. Nichts ist gut oder schlecht. Alles ist.

H.: Sucht die Sicherheit im Außen. Das heißt, andere sind in der Pflicht, ihm Sicherheit zu geben. Dass er das selbst kann und das Potenzial hat, zu führen, kann er für sich noch nicht annehmen.

B.: Hat das Potenzial, andere zu ermutigen, aus der Komfortzone herauszutreten und sich ihren Potenzialen zu öffnen, traut sich das aber nicht klar zu sagen, da klare Worte in B's bisherigen Erfahrungen immer gleich gesetzt wurden mit Kritik.

G..: Gleiches gilt für G. Auch G fehlt Klarheit. Die Klarheit verschwindet hinter der Angst, die eigene Genialität zu zeigen. Schließlich sei G nicht der Professor, wurde G mal gesagt. Also wird das, was G wahrnimmt, heruntergeschluckt oder vergessen, damit der Schmerz über das ungelebte Potenzial ertragbar bleibt.

A.: Geht mit diesem Thema von G in Resonanz. Auch A hat Angst, die eigene Genialität zu offenbaren, wurden A's Ideen in der Vergangenheit doch oft als "spinnert" abgetan. A hat die Stärke, Strukturen zu schaffen, enthält sie dem Team aber vor, um sich dadurch innerlich die eigene Genialität immer wieder zu bestätigen: "Ich habe es gewusst. ... Ich habe es gleich gesehen..."

C.: Wird von der Last erdrückt, die kreativen Ideen allein umsetzen zu müssen. Gebraucht zu werden, ist C's Treiber. 

S.: Vereint sowohl die Kreativität als auch die harmonische Ordnung. S. sieht Zusammenhänge, zerbricht aber daran, weil S den Raum für ihre Kollegen nicht länger halten kann. Interaktion wird zum Trigger. S soll alle unterstützen. Das führt zur Überforderung. Die Kraft, sich – trotz des jüngsten Alters – als Schlüsselperson in dem Team anzuerkennen, findet S erst im Workshop.

Dadurch kommt viel ins Fließen.

B.: Kann in Führung gehen und Strukturen definieren.

A.: Unterstützt mit wertvollen Impulsen und wird dafür auch anerkannt. Die Genialität darf sich zeigen.

G.: Wird dadurch ermutigt, in der eigenen Kommunikation klarer zu werden. G kann sich jetzt sicher sein, dass auch seine genialen Ideen gehört werden.

H.: Ist dadurch gefordert, nicht auf Sicherheit zu warten, sondern selbst dafür zu sorgen. Dadurch erkennt H., dass dadurch bei allen das Gefühl der Zugehörigkeit gestärkt wird.

C.: Gewinnt durch diese neue Zugehörigkeit die Sicherheit, einen Platz im Team zu haben. Das stärkt sein Selbstvertrauen und führt dazu, dass C Ideen mit anderen teilt. Seine Überlastung nimmt ab.

An diesem Beispiel möchte ich verdeutlichen, dass ich die Grundintention vieler Personalberater und Unternehmen, anhand der Test die Vielfalt im Team zu gewährleisten oder aber Rollen anhand der Stärken zu besetzen, absolut teile.

Ich hadere nur mit dem Instrument, das dafür genutzt wird.

Fazit

Persönlichkeitstest geben Orientierung. Sie helfen dabei, sehr schnell einen Blick für aktuelle Stärken von uns und anderen zu bekommen.

Allerdings bergen sie das Risiko, dass Menschen in Schubladen verschwinden und dadurch die freie Entfaltung des Potenzials eher verhindert als gefördert wird.

Es ist aus meiner Sicht an der Zeit, sich von diesem Instrument zu verabschieden, um einem Potenzial, das wir alle in uns tragen, mehr Raum zu geben: unserem Gespür bzw. Bauchgefühl. Gleichzeitig können wir Fähigkeiten nutzen, die ohnehin Teil unseres Miteinanders sind, um andere wahrzunehmen, ihre Bedürfnisse zu verstehen und diesen Rechnung zu tragen.

Diese Instrumente sind das Fragen und das aufmerksame Zuhören.

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