Sabine Walter im Gespräch mit …

Paul Helmeth, Geschäftsführender Gesellschafter der Kirimanufaktur

Wie kommt es, dass du als fest angestellter Lufthansa-Pilot jetzt nebenbei ein Unternehmen aufbaust?

Neben dem Fliegen ein Unternehmen zu führen, ist nichts Ungewöhnliches. Es gibt viele Piloten, die ein zweites Standbein haben. Zwar hat der Rückgang des Fliegens während der Corona-Pandemie das weiter begünstigt, aber neu ist es nicht. 

S.W.: Das überrascht mich, da ich den Job als Pilot als sehr ausfüllend – sowohl inhaltlich als auch zeitlich gesehen habe.

Das ist er auch. Allerdings gibt es auch viele Leer- oder Wartezeiten. Gerade bei Langstreckenflügen führen die Zeitverschiebungen immer wieder dazu, dass man mitten in der Nacht aufwacht und die Zeit im Hotel sinnvoll nutzen möchte. Manche machen Sport, andere arbeiten E-Mails ab und wiederum andere kümmern sich dann um ihr Unternehmen.

Und es ist wirklich spannend zu sehen, was Kollegen alles so aufziehen. Man könnte sagen, es liegt Unternehmertum in der Luft. Und auch das ist kein Zufall, denn in den Assessment Center und Auswahlgesprächen wird auf Unternehmertum, Managementkompetenz und Führungsstärke durchaus Wert gelegt.

Wie bist du gerade auf den Möbelbau und speziell auf Raumteiler gekommen?

Ich arbeite seit der Kindheit in meiner Freizeit schon immer mit Holz. Ich habe den Großteil der Möbel in unserem Haus selbst gebaut und auch dabei immer darauf geachtet, dass diese Möbel sowohl ein ansprechendes Design als auch gewinnbringende Zusatzfunktionen haben. Mein Anspruch beim Arbeiten mit Holz ist auch die Kreativität.

Und mit Corona wurde schnell klar, dass die Zukunft in der Fliegerei nicht vorhersehbar ist und somit kam der Wunsch auf, dieses Hobby professioneller aufzuziehen und ein Start-up zu gründen. Der Rest waren Zufälle.

Der erste Zufall hängt mit dem Rohstoff Holz zusammen.

Ein sehr guter Freund von mir, Peter, pflanzt seit Jahren auf Plantagen in Deutschland und in Spanien den Paulownia-Baum an, auch Kiri-Baum genannt. In Asien wird dieser Baum schon sehr lange für den Möbelbau genutzt, in Deutschland ist er noch recht unbekannt.

Der Kiri-Baum hat verschiedene Besonderheiten, die ihn auch für mich als Möbelholz sehr attraktiv machen.

Zum einen wächst er sehr schnell. Um mal ein Gefühl zu bekommen: der Kiri-Baum wächst im ersten Jahr bis zu 7 Meter. Ein deutsche Stieleiche wächst im ersten Jahr ungefähr einen halben Meter. Zum anderen wächst er sehr gerade und ist in den ersten 6-7 Metern auch praktisch astfrei. Nach sechs-sieben Jahren hat der Baum einen Stammdurchmesser von ca. 40 Zentimetern, wird gefällt und liefert nahezu „perfektes“ Holz.

Außerdem ist das Holz sehr nachhaltig – nicht nur, weil es so schnell wächst, sondern weil eine Kiri-Baumplantage auch vier Mal so viel CO2 bindet, wie ein Mischwald und dabei sehr hitzeresistent ist.

Der zweite Zufall hängt mit dem Produktentwicklungsprozess einer mobilen Sauna zusammen.

Eigentlich wollte ich schon seit Jahren eine mobile Sauna bauen, also eine Sauna, die man wie bei einem „Tiny Haus“ auf einen Trailer stellt und dann ohne Baugenehmigung auf sein Grundstück fahren kann. Dafür habe ich dann Kiri-Holz bestellt und wollte mich der Frage nähern: „Wie schaffe ich es, allein, mit meinen beiden Händen und ohne großes Gerät, eine Sauna zu bauen und zu verleimen?“ Um für diese Versuche nicht so viel Holz zu verschwenden habe ich angefangen Modelle zu bauen. Die ersten Modelle waren noch recht schwer, man konnte sie also nur bedingt allein hochheben. Also habe ich, um die richtige Verbindungstechnik zu finden, die Größe der Modelle mit Hilfe meines 3D CAD Planers immer weiter reduziert und in meiner Werkstatt gefertigt.

Mein Vorbild für die Verbindungstechnik war die Klemmtechnik alter Bauernschränke. Die lassen sich ohne Probleme über Generationen hinweg auseinander- und wieder zusammenbauen.

Aufgrund von Materialmangel musste ich aber bei der Entwicklung der Verbindung immer kreativer werden. Ich hatte beispielsweise kein dickes Holz zur Verfügung, die Baumärkte waren geschlossen, also musste ich die Klemmtechnik auf dünnes Holz anpassen. Ergebnis ist eine Weiterentwicklung der Fremdfeder-Verbindung, die es auf diese Weise bisher nicht gibt. Dass das der richtige Name ist für das, was ich durch das Experimentieren gefunden hatte, hat mir die Google-Suche verraten.

Und da jedes meiner Modelle quasi als Wandmodul bei uns im Wohnzimmer stand und das während der Zeit von intensivem Homeoffice und Homeschooling, war die Idee im Hinterkopf schon gereift. Auslöser, um mich endgültig vom eigenen Saunabau zu verabschieden und mich den Raumteilern zuzuwenden, war der Kostenvoranschlag für die Fenster der Sauna.

Also kurz gesagt: Meine Leidenschaft für Holz, technische Lösungen, Kreativität und Design trafen auf Kurzarbeit, eine nachhaltige Rohstoffquelle und klassische „Abfallprodukte aus Experimentier- und Produktentwicklungsprozessen“ und schon war der modulare Kiri-Raumteiler geboren.

S.W.: Wie geht es jetzt weiter?

Von der Idee zum Unternehmen

Es gibt drei Aspekte, die für mich im Fokus stehen:

  1. Markt und Vertrieb
  2. Weiterentwicklung der Nachhaltigkeit
  3. Serienfertigung und Produktivität im Fertigungsprozess

Markt & Vertrieb

Die zentralen Fragen, die mich bei Markt und Vertrieb umtreiben, sind: „Wie kommt mein Produkt beim Kunden an?“ „Wie oft wird es gekauft?“ und „Wer wird es kaufen?“

Erstes Marktfeedback habe ich bereits, auch von Fachleuten aus der Möbelbranche. Freunde von uns führen ein namhaftes Einrichtungshaus in München. Die haben beispielsweise sehr positives Feedback auf den Raumteiler gegeben. Dann bin ich im Kontakt mit Ladenbauern und Büroausstattern. Das möchte ich alles weiter intensivieren und gern auch in erste Projekte überführen. 

Nachhaltigkeit des Produktes

Was die Weiterentwicklung der Nachhaltigkeit angeht, habe ich bereits die perfekte Oberflächenbehandlung gefunden, dass der Raumteiler geschreddert und komplett kompostiert werden kann, ohne dass Oberflächenqualität verloren geht.

Für die Aluminium-Applikation suche ich noch nach Alternativen. Aber auch da – Aluminium ist das beste recycelbare Metall und kann somit auch zurückgewonnen werden.

Alles in allem eine echte Kreislaufwirtschaft.

Der Produktionsprozess

Nun zum Produktionsprozess: Da liegt der Fokus auf der automatisierten Fertigung. Ich habe die Produktionspläne selbst erstellt und diese mit dem Werkstattchef meines Freundes Peter diese erprobt und die Nullserie in Serienproduktion produziert. Für die Kleinserienproduktion sind wir gerüstet. Für die Produktion in Großserie möchte ich den Automatisierungsgrad weiter erhöhen. Wie das gelingen kann, habe ich in meinem CAD-Tool schon simuliert. Jetzt braucht es noch einen Partner, der mir das umsetzt und zeigt, dass es funktioniert.

Ich bin beeindruckt. Wie hast du das alles gelernt? Das hat doch nichts mit dem Fliegen zu tun.

Dinge bauen und entwickeln ist eine Fähigkeit, die seit der Kindheit gewachsen und in den ersten Jahren auch durch meinen Vater aktiv gefördert wurde. Außerdem bin ich wahnsinnig neugierig und offen, vieles zu Lernen. Und dann gibt es noch etwas, was auch Teil meiner DNA ist. Wir sind von zuhause immer angehalten worden, uns eine Lösung zu suchen, mit den Ressourcen, die wir hatten. Bevor wir in den Baumarkt gefahren sind und Dinge gekauft haben, haben wir immer erst geschaut, ob wir das Problem nicht mit Sachen gelöst bekommen, die wir ohnehin zuhause hatten. Diese Herausforderung regt die Kreativität an und fördert das vernetzte Denken. 

Ich habe beispielsweise in den ersten Jahren meiner Ausbildung IKEA-Bleistifte als Dübel genutzt, um Bilder aufzuhängen. Irgendwann habe ich dann auch echte Dübel genutzt. Je mehr Budget ich im Laufe des Lebens dann zur Verfügung hatte, desto hochwertiger wurde mein Werkzeug, und desto präziser und teilweise zeitsparender konnte ich arbeiten. Aber die Kreativität bei der Lösungsfindung ist geblieben.

CAD-Zeichnen habe ich einfach ausprobiert. Dabei hilft sicherlich, dass ich generell sehr IT affin bin. Und es gibt wirklich einfach zu bedienende CAD-Tools für ipads.

Welche Parallelen gibt es zwischen dem Fliegen und der Unternehmensführung?

Das Führen ist eine Parallele. Dazu habe ich sowohl viele praktische Erfahrung als Pilot und jetzt auch als Kapitän gesammelt, aber auch viele Weiterbildungen bekommen. Es geht auch darum, zu entscheiden – im richtigen Moment und oft auch ohne alle Informationen zur Verfügung zu haben. Es geht darum, den Überblick zu behalten, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Also Parallelen gibt es viele.

Was müsste passieren, dass du die Fliegerei aufgibst?

Diese Frage stellt sich momentan nicht. Ich kann mir vorstellen, die Fliegerei zu reduzieren, aber das Fliegen aufgeben, das möchte ich nicht. Für mich ist das Fliegen ein wertvoller Ausgleich. Wenn ich in der Luft bin und mehrere tausende Kilometer geradeaus fliege, kann ich mir zu vielen Dingen Gedanken machen. Zum anderen lässt sich auch das Starten und Landen eines Flugzeugs immer weiter perfektionieren. Außerdem habe ich in der Kirimanufaktur den Anspruch, alles so weit zu optimieren und zu professionalisieren, dass ich entbehrlich bin. Für mich ist das eine unternehmerische Qualität.

Um es abschließend zu formulieren: Solange ich es mir unternehmerisch leisten kann, werde ich weiter fliegen und mir damit auch den Raum für einen Perspektivwechsel nehmen.

Paul Helmeth ist seit 19 Jahren Pilot bei Lufthansa. Im Februar 2021 gründete er die KIRIMANUFAKTUR, ein Startup, das sich auf die Verarbeitung von nachhaltig in Europa angebautem Kiri-Holz spezialisiert.Als Autodidakt im Möbelbau profitiert er seit seiner Kindheit von einem Hobby, welches er nun zu seinem Beruf macht.

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