Innovation

Feinde der Innovation

Von Sabine Walter

Im Juli vergangenen Jahres wurde der Global Innovation Index Report 2019 veröffentlicht. Der Report stellt die Innovationskraft von 129 Ländern weltweit dar – bewertet aufgrund verschiedener Kriterien. Die Schweiz ist zum zweiten Mal in Folge Spitzenreiter. Deutschland liegt auf Platz 9, und das schon seit 2017. Das ist erst einmal nicht alarmierend. Dennoch lädt der Bericht ein, sich mit der Innovationskraft Deutschlands näher zu beschäftigen. Was sind die Einflussfaktoren, die Innovation begünstigen und behindern?

Innovationskraft basiert auf vielen Kriterien

Ob eine Gesellschaft die Kraft hat, Innovationen hervorzubringen, hängt von vielen Kriterien ab. Die Anzahl der Patentanmeldungen sind nur eines davon. Neben den Patentanmeldungen im Verhältnis zum Brutto-Inlandsprodukt (BIP) sind Zugang zu (Risiko)-Kapital, das Know-how von Beschäftigen, die Innovations- und Fehlerkultur in den Unternehmen, die IT-Infrastruktur und das Bildungssystem wesentliche Faktoren.

Deutschland hat eine Vielzahl angemeldeter Patente. Doch diese Stärke führt leider nicht zu einer unangefochtenen Innovationskraft. Warum? Weil großer Handlungsbedarf im Bereich von Kapitalzugang, Infrastruktur und Bildung besteht.

Szene 1: Eine Unterrichtsstunde “Werken und Gestalten” an einer bayerischen Grundschule.

Innovationsfeind # 1: Das staatliche Schulsystem

Wir sind in einer Grundschule in Bayern. Aufgabe für die Schüler einer vierten Klasse ist es, einen Spiegel zu bauen. Es gibt Vorgaben zum Material, aber in der Formgebung und der Größe des Spiegels sind die Kinder frei. Einige der Kinder haben den Wunsch, im Klassenzimmer herumzulaufen, sich Ideen bei Freunden zu holen, sich auszutauschen. Sie folgen diesem natürlichen Drang, wenn es darum geht, etwas zu entwickeln.

Doch leider unterbindet die Lehrerin diesen Prozess mit dem Hinweis, dass Abschauen verboten ist.

Szenenwechsel: Doktoranden an einer deutschen Universität

Innovationsfeind # 2: Universitäre Strukturen

Wo, wenn nicht in den universitären Forschungslaboren, sollten neue Ideen willkommen sein. Doch auch hier: Fehlanzeige. Neue Ideen dürfen dann verfolgt werden, wenn Professoren sie genehmigen und Forschungsgelder mit Hilfe langer Anträge eingeworben werden.

An unseren Universitäten treffen motivierte neugierige junge Menschen, die mit ihrer Forschung einen Beitrag leisten wollen, um unsere Welt etwas besser zu machen auf verkrustete Strukturen, bei denen ausschließlich der hierarchische Status zählt. Laut dem Institut für Hochschulentwicklung überlegen etwa die Hälfte aller Doktoranden abzubrechen und auf den Titel zu verzichten. Die Ursache dafür liegt meistens im System: Herabwürdigende Kommunikation, unzureichende Betreuung, befristete Verträge, Abhängigkeiten von Professoren und deren wechselnden Befindlichkeiten.

Szenenwechsel: Ein Innovationsworkshop bei einem mittelständischen Unternehmen

Innovationsfeind # 3: Management

Das Unternehmen steckt in Schwierigkeiten. Die Eigentümer haben das Management ausgetauscht. Der Fokus der neuen Strategie liegt auf Innovation und Wachstum. Deshalb ist es ein Anliegen, die Innovationskultur im Unternehmen wieder neu zum Leben zu erwecken.

Die Stimmung ist abwartend. Dass sie Ideen einbringen dürfen, wurde ihnen schon oft versprochen. Und jetzt soll es auch so gemeint sein?

Die Mitarbeiter und Führungskräfte sind verunsichert. Jahrelang war quer denken verpönt. Neue Ideen? Ab in den Papierkorb. Warum etwas verändern? Wir setzen auf Bewährtes. Die Folge waren innere Kündigung, Dienst nach Vorschrift und Mutlosigkeit. Verantwortung übernehmen? Fehlanzeige. Gestalten? Bloß nicht.

In diesem Unternehmen muss quer denken neu gelernt werden. Das kostet wertvolle Zeit im Bezug auf Innovationen, Marktposition und Wachstum.

Wie lange will Deutschland sich diese Innovationsbremsen noch leisten?

Herausgegriffen haben wir drei Beispiele. Zieht man das Ranking Global Innovation Index Report 2019 zu Rate und schaut auf die Teilkriterien, so bestätigt sich leider dieses Bild.

Bei dem Faktor Bildung liegt Deutschland auf Rang 33 von insgesamt 129 Nationen, bei den Investitionen in Bildung schaffen wir es nicht einmal unter die besten 50 (!). Im Bereich universitäre Forschung und Entwicklung schaffen es die TOP 3 Unis von Deutschland immerhin auf Rang 11. Bei der Arbeitnehmer-Qualifikation liegen wir auf Rang 13, beim Zugang zu Finanzierung auf Rang 40.

Innovation zu fördern, ist Führungsaufgabe. Innovationskraft zu stärken, Aufgabe der Politik

Innovation zu fördern, ist Führungsaufgabe. Um die Innovationskraft Deutschlands zu stärken, ist es vor allem Aufgabe der Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Deshalb:

  • muss quer denken und der Austausch im Team in Schulen Pflicht werden
  • sind die verkrusteten universitären Strukturen aufzubrechen
  • ist der Zugang zu Risiko-Kapital zu erleichtern
  • sollten Unternehmen noch mehr Anreize haben, nicht nur Patente anzumelden, sondern diese auch in echte Innovationen zu überführen
  • ist die Infrastruktur, vor allem die IT-Infrastruktur flächendeckend auszubauen und der Umgang mit digitalen Medien in den Schulen zu lernen

Die Innovationskraft einer Gesellschaft wird im 21. Jahrhundert mehr denn je gefordert sein, um alle Herausforderungen zu meistern und den friedlichen Fortbestand der Gesellschaft zu sichern. Wissen in Innovationen – egal auf welchem Gebiet – zu überführen, wird mehr denn je zur Voraussetzung für die individuelle, unternehmerische und gesellschaftliche Entwicklung, ggf. sogar für das Überleben.

Wir sind aufgefordert, die Kraft der Innovation für gesellschaftliche Quantensprünge zu nutzen. Wir haben die Technik, Wissen per Knopfdruck an allen Orten dieser Welt verfügbar zu machen. Wir sind in der Lage, Dinge weiterzuentwickeln, ohne im gleichen Büro zu sitzen.

Warum leisten wir uns noch Strukturen, Prozesse und Systeme, die Innovation blockieren?

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