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Unternehmergespräche

Unternehmergespräch mit Tomislav Bodrozic

Tomislav Bodrozic, Geschäftsführer der Fabula Games GmbH, ist ausgebildeter Diplom-Psychologe. Mit seinem Team entwickelt er so genannte Serious Games, also Lernspiele für Unternehmen, die das Lernen und Trainieren erleichtern. Mit mir sprach er im Unternehmergespräch über seinen Traumberuf.

Tomislav Bodrozic, Geschäftsführer
Foto | Markus Schweyher

Herr Bodrozic, was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Ich habe einen wahren Traumberuf und so gibt es ganz viele Dinge, die ich daran liebe. Ich möchte mich aber in diesem Gespräch auf zwei Sachen konzentrieren, die mir am meisten bedeuten und die mich jeden Tag aufs Neue motivieren: Das eine ist, dass jede einzelne Anfrage für die Entwicklung eines Serious Games eine komplett neue Welt ist. Nicht nur, weil der Inhalt meistens ein ganz neuer ist, sondern auch, weil sich die Methoden verändern, mit denen die Inhalte transportiert werden. Das macht meinen Beruf so abwechslungsreich und fordert mich immer wieder heraus. Ich kann (zum Glück) bei einer Anfrage nicht einfach eine Schublade öffnen und ein Standardkonzept herausholen, sondern ich tauche jedes Mal in eine neue Welt ein. Das macht sehr viel Spaß.

Serious Games – spielend lernen

Der andere Aspekt, der mir sehr viel bedeutet, ist, dass ich mit jedem Projekt ein bisschen dazu beitrage, dass Lernen eine schöne und positive Erfahrung wird.

Lernen ist in unserer Gesellschaft noch zu sehr mit den Institutionen Schule oder Universität verknüpft. Und so denken viele Menschen, wenn sie die Schule oder das Studium beendet haben: „So, jetzt ist das Lernen vorbei. Jetzt will ich arbeiten.“

Dabei ist Lernen ja etwas, was unheimlich viel Spaß machen kann. Und wir tragen mit unserer Arbeit, mit unseren Serious Games, einen kleinen Teil dazu bei, dass Lernen wieder zu einer positiven Erfahrung wird. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Und wenn wir diese Rückmeldung dann auch noch von unseren Kunden bekommen, dann ist das Lohn genug.

Außerdem kompensiert mein Beruf ein wenig meine eigene frühere Lernerfahrung. Als Kind habe ich nie wirklich gern gelernt. Ich habe lieber gespielt. Heute weiß ich, dass ich auch beim Spielen ganz viel gelernt habe, wenn auch vielleicht nicht für Mathe oder Biologie. Aber das Austüfteln von Lösungen oder Strategien, Perspektivwechsel, die Interaktion mit anderen. Alles das sind auch Kompetenzen, die wir im Leben brauchen. Und sie sind gut beim Spielen erlernbar.

Dieses bewusste Verstehen, dass Lernen und Spielen eine Einheit sein und Spaß machen kann, ist bei mir noch gar nicht so lange her. Vielleicht 6-7 Jahre. Auslöser war ein Kunde, für den wir, damals Filmemacher, bereits Unternehmensfilme gedreht haben. Der Kunde wollte von uns zum Thema „Compliance und Integrität“ unbedingt ein Spiel. Wir wollten das Projekt erst gar nicht annehmen, da wir noch nie ein Spiel entwickelt haben. Aber wir haben es gewagt.

Und das Feedback war traumhaft. Die Mitarbeiter haben sich mit Begeisterung und viel intensiver über Compliance ausgetauscht, als das bisher durch das Lesen von Powerpoint-Präsentationen oder Broschüren stattgefunden hat.

Und da hat es bei mir Klick gemacht.

Wie gelingt es euch, komplexe Themen und Fragestellungen in ein Spiel zu verwandeln und die wesentlichen Punkte dabei zu berücksichtigen?

Ich profitiere hierbei sehr von meiner 15-jährigen Tätigkeit als Filmemacher. Auch da habe ich mich immer wieder mit neuen Themen beschäftigt und diese recherchiert. Und habe im Zuge dieser Recherche das Thema immer tiefer durchdrungen. Ich musste viel mehr recherchieren und wissen als ich später im Film transportieren konnte. Ich musste zum Experten werden, um dann entscheiden zu können, welcher kleine Teil davon für den Zuschauer interessant ist. Und dieses Reduzieren ist im Film – wie im Spiel – die große Kunst. Denn es setzt voraus, dass ich den Zuschauer oder aber in unserem Fall die Spieler bzw. Mitarbeiter, die das Spiel nutzen sollen, mit ihren Fragen und Bedürfnissen verstehen muss.

Was mir noch hilft, ist die Selbstverständlichkeit, Dinge zu hinterfragen und zu erfragen. Das ist vor allem etwas, was mit dem „Alter“ kommt. Wo ich mich vielleicht mit Mitte 20 noch nicht getraut habe zu sagen: „Ich verstehe es noch immer nicht, erkläre es mir bitte noch einmal“, kommt mir das heute leicht über die Lippen.

Und wenn man sich traut, so lange zu fragen, bis man ein Thema verstanden hat, fällt es relativ leicht, zusammen mit einem Team, ein für die Inhalte passendes Game Design zu entwickeln. Das Game Design sind die Funktionen und die Spielweise, die dafür Sorge tragen, dass die Lerninhalte beim Lernenden ankommen.

Welche Parallelen gibt es zu dem, was wir tun, der Persönlichkeitsentwicklung?

Das sind sehr viele Dinge. Einige davon habe ich schon genannt. Lassen Sie mich noch Punkte ergänzen.

Damit ein Spiel richtig gut funktioniert, braucht es mindestens drei Aspekte. Es muss erstens die Spielenden bzw. Lernenden aktivieren. Es muss also dafür sorgen, die Spielenden aus ihrer passiven Konsumrolle herauszuholen und sie zu motivieren, sich etwas zu holen, z.B. eine Information. Zweitens muss im Spieler eine intrinsische Motivation entwickelt werden. Der Spieler muss aus eigenem Wunsch heraus weiterspielen und nicht weil der Chef sagt, er muss das Spiel spielen. Diese intrinsische Motivation kann auf ganz verschiedene Art und Weise geweckt werden. Der Spieler möchte vielleicht Sterne sammeln, Punkte erhalten, das Level schaffen oder ist einfach nur neugierig zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht.

Und der dritte Aspekt neben Aktivierung und intrinsischer Motivation ist der Wille des Spielers, in das Spiel zu investieren. Nur wenn er investiert, beispielsweise Zeit, kann dieses Spiel wertvoll für ihn werden. 

Das gilt für jede Form von Training. Wenn ich besser werden will, muss ich investieren. Wenn ich es aus mir heraus mache, habe ich mehr Freude dabei. Und wenn ich dann noch aktiv dabei bin, also mit allen Sinnen, dann bilden sich Synapsen in meinem Gehirn, ich lerne und entwickle mich und entfalte mich in meiner Persönlichkeit.

Wann kommen Ihnen die besten Ideen?

Im Austausch. Ich bekomme neue Ideen, wenn ich anderen davon erzähle. Im Sprechen merke ich, dass ich beispielsweise neue Aspekte des Themas erfasse und in einen kreativeren (Denk-)Raum komme, in dem dann die Ideen entstehen.

Was für meine Kreativität auch wichtig ist, sind bewusste Denkpausen. Beim Sport schalte ich beispielsweise bewusst ab und beschäftige mich gar nicht mit der Arbeit. So kann ich danach wieder mit einer frischen Perspektive einsteigen.

Wie wird Ihr Beruf im Jahr 2050 aussehen?

Es gibt einen Trend, der nicht aufzuhalten ist. Das ist der Trend der künstlichen Intelligenz (KI). Maschinen verarbeiten Informationen. Bisher haben sie das ineffektiver als Menschen gemacht. Das wird sich verändern. Maschinen werden in Zukunft effektiver Informationen verarbeiten als wir Menschen. Vor allem aber haben Maschinen eine Eigenschaft, die sie klar von uns Menschen abgrenzt: Sie vergessen nicht. Sondern sie legen mit jeder Interaktion Informationen ab und nutzen diese, um ihre Algorithmen zu verfeinern.

Vor dem Hintergrund, dass sich die künstliche Intelligenz rasant verbessern wird, glaube ich, dass Serious Games in Zukunft zu einem größeren Teil automatisiert besser an die Bedürfnisse der Spielenden angepasst werden. Während wir spielen, lernt der Computer etwas über unsere besonderen Eigenarten und Muster und wird dann versuchen, einen Algorithmus zu bilden, der darauf eingeht. Im Moment steckt das noch in den Kinderschuhen.

In 30 Jahren wird es eine große Wissensdatenbank und eine gute KI geben, so dass die Spieler sich ad hoc ihr eigenes Spiel designen können. Ein Beispiel: Ich habe Lust auf ein Spiel, das nur zwei Minuten dauert, bei dem ich mit Sprache jonglieren kann und am Ende eine lustige Geschichte entsteht. Der Computer stellt dann im Hintergrund den Inhalt mit den Spielprinzipien zusammen und präsentiert mir in kurzer Zeit mein persönliches Spiel.

Meine Aufgabe als Game Designer wird sich dadurch verändern. Ich werde weniger mit der Konstruktion des Spiels beschäftigt sein, dafür noch mehr mit dem Verstehen der Bedarfe und Bedürfnisse der Lernenden. Vielleicht muss ich sogar noch besser als der Spieler selbst verstehen, was er braucht, um zu lernen und sich zu entwickeln.

Was würde sich in unserer Gesellschaft verändern, wenn wir mehr spielen?

Ich bin davon überzeugt, dass wir an Akzeptanz und Toleranz gewinnen würden. Denn jeder, der Spiele spielt, lernt und versteht irgendwann, dass er noch nicht alles weiß. Es gibt immer mehr zu entdecken, es gibt immer jemanden, der vielleicht Teile davon schon entdeckt hat oder noch mehr Inhalt in ein Spiel packen kann, weil er noch ein Stückchen mehr Experte ist.

Ich werde ein wenig demütiger, wenn ich mit Experten zu tun habe und begreife, was die alles können. Und diese Haltung, dass man durch das Spielen erlebt, wie man sich selbst entwickelt, und gleichzeitig sieht, wie sich andere entwickeln, das führt zu mehr Toleranz anderen gegenüber.

Gleichzeitig gäbe es sicherlich Menschen in unserer Gesellschaft, die befürchten würden, an Produktivität zu verlieren. Aber wenn wir Lernspiele spielen, also Serious Games, sehe ich das Risiko nicht. Und das zeigt letztlich auch die aktuelle Entwicklung. Immer mehr Unternehmen verstehen, dass Serious Games dabei helfen, die Lust am Lernen zu wecken, Inhalte zu verankern und Kompetenzen zu entwickeln.

Wie müsste sich unser Verständnis von Lernen bis zum Jahr 2050 verändern?

Das ist eine interessante Frage. Vielleicht wird es bis zum Jahre 2050 so sein, dass wir alle noch mehr die Chance haben, uns mit Dingen zu beschäftigen, die uns wirklich Spaß machen und unsere Stärken sind. Vor 200 Jahre mussten die Menschen die Felder selbst pflügen, weil es keine Maschinen dafür gab. Heute gibt es Maschinen dafür. In Zukunft werden Roboter solche und andere existenziellen Aufgaben übernehmen, die uns Menschen wenig Spaß machen. Das verschafft uns allen mehr Zeit für Entfaltung der eigenen Stärken.

Heute sehen wir Lernen als eine Voraussetzung, um später einer qualifizierten Arbeit nachzugehen. Diese Verbindung wird sich aus meiner Sicht mehr und mehr auflösen. In Zukunft werden Menschen die Dinge lernen, für die sie sich interessieren. Sie werden so in viel kürzerer Zeit zu einem Experten und tragen dazu beitragen, dass alle von dieser Expertise profitieren.


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