Lebenslanges Lernen | Kreativität

Es lebe die Experimentierfreude!

Von Sabine Walter

Er wollte ursprünglich einen Fotokurs buchen. Im Mai. Auf Spiekeroog. Das Thema: kreative Fotografie. Corona machte einen Strich durch die Rechnung. Kein Reisen. Kein Spiekeroog. Kein Fotokurs. Doch die Faszination, seine Fotografie auf neue Art einzusetzen und zu erweitern trieb ihn an. Und so recherchierte er. Und experimentierte. Und … entwickelte etwas ganz Eigenes. Lux Scriptum. Lichtlinien. Etwas, was man mit bloßem Auge nicht sehen kann. Erst mit Hilfe der Kamera werden diese Bilder Realität. — Das, was Claus Pescha, Fotograf und Webdesigner aus Dießen am Ammersee getan hat, ist etwas, was wir in Unternehmen, in Schulen, Universitäten, in Organisationen, ja in unserer Gesellschaft kultivieren müssen. Experimentieren. Die Muse und den Mut zu haben, Bekanntes zu verlassen und in Neues einzutauchen. Was brauchen wir dafür?

Ich denke, wir alle haben in den letzten Wochen eine gemeinsame Erfahrung gemacht: Experimentieren bestimmte einen großen Teil unseres Alltags. Neue Dinge auszuprobieren, ergebnisoffen einen Erkundungsprozess zu starten, kontinuierlich daran zu feilen bis das dabei entsteht, mit dem wir zufrieden sind, ist eine wichtige Kompetenz. Wir alle haben sie, wenn auch in unterschiedlicher Stärke. Für Unternehmen wird die Kultur des Experimentierens immer wichtiger – auch bzw. vor allem in und nach Krisen. Doch wie lässt sich diese Kultur in Unternehmen etablieren? Dazu braucht es sieben elementare Faktoren:

Experimentieren – Erfolgsfaktor 1

Eine offene Haltung und einen wachen Blick

Experimentieren werden wir nur, wenn wir grundsätzlich offen für Neues sind und Interesse an der eigenen Weiterentwicklung haben. Grundsätzlich kommen wir Menschen mit großer Neugierde zur Welt – das zeigt, wie schnell sich Babys und Kleinkinder entwickeln. Damit Menschen sich das auch über die Dauer ihres Lebens und vor allem ihres Berufslebens erhalten, braucht es ein Umfeld, das eine gewisse Selbstverwirklichung zulässt – also die freie Gestaltung, wie die Wege zum Ziel aussehen. Ferner braucht es eine Diversität an Erfahrung, Perspektiven, Meinungen, um Impulse setzen zu können. Und es braucht Phantasie. Phantasie erhalten wir uns, wenn Träumen erlaubt ist. Aber Phantasie braucht auch Training, Phantasie braucht die vernetzte Arbeit beider Gehirnhälften. Das lässt sich trainieren.

Experimentieren – Erfolgsfaktor 2

Intrinsische Motiviation

Neben der offenen Haltung und dem wachen Blick braucht es eine stark ausgeprägte intrinsische Motivation. Denn das allein ist der Motor, um an einer Sache dran zu bleiben. Ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu erfahren, wahrzunehmen. Details zu verändern, das Ergebnis zu analysieren. Zurück zum Anfang zu gehen und immer wieder neu zu starten.

Experimentieren – Erfolgsfaktor 3

Mut, in kaltes Wasser zu springen

Neues wird nur entstehen, wenn wir bereit sind, Altbekanntes zu verlassen. Nicht nur leicht zu verändern, sondern sichere Strukturen, etablierte Herangehensweisen und bewährte Methoden zu hinterfragen, über Bord zu werfen und neu anzufangen. Grüne Wiese. Alles geht, alles ist erlaubt.

Bei diesem Neuanfang kann Alleinsein ein Vorteil sein. Man ist keinem Rechenschaft schuldig. Es lacht einen keiner aus. Niemand gibt Ratschläge, die man nicht braucht. Keiner bohrt nach und will wissen, wann das Ergebnis endlich auf dem Tisch liegt. Es gibt keine Konkurrenz, keinen Druck. Man ist fertig, wenn man fertig ist.

Allein ausprobieren kann aber auch ein Nachteil sein. Man hat keine Gruppe, die einen stützt, ermuntert, bei Rückschlägen aufrichtet. Es ist niemand da, der mitdenkt. Sparringpartner fehlen, die auch tüfteln, weiterentwickeln, hinterfragen. Die Chance, die in der Diversität liegt, geht verloren, externe Impulse sind rar.

Egal, ob allein oder in einem Team experimentiert wird. Es braucht immer Mut, um ins kalte Wasser zu springen, sich aus der Komfortzone zu bewegen. Es braucht Mut und damit Selbstvertrauen. Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Selbstvertrauen, dass auch Bestand hat, wenn es nicht so klappt, wie man es sich gewünscht und vorgestellt hat. Es braucht Mut, sich Zeit zu nehmen – diese auch “aus dem Fenster zu werfen”. Es braucht Mut, mit Rückschlägen umzugehen und das starke Vertrauen, dass es irgendwann gelingen wird.

Und es braucht noch etwas: die innere Unabhängigkeit von der Meinung anderer.

Experimentieren – Erfolgsfaktor 4

Zeit, um zu suchen

Kreativität, Innovation und auch das Experimentieren folgt nicht den starren Gesetzen der Effizienz oder Produktivität. Im Gegenteil. Druck in jeglicher Form, auch Zeitdruck wirken neuen Ideen entgegen.

Jetzt mögen einige von Ihnen sagen. Aber bei Corona hatten wir Druck. Wir mussten. Das stimmt. Aber wir hatten nur Druck etwas zu verändern. Das Ergebnis musste nicht perfekt sein.

Und da liegt oft der Irrtum: Ja, es braucht manchmal einen initialen Druck. Einen Druck, der Dringlichkeit zum Handeln erzeugt. Einen Druck, der klar macht. Eine Veränderung ist zwingend nötig. Jetzt! Dieser Druck sollte immer auch die Fragen beantworten: “Warum ist Handeln erforderlich? Was passiert, wenn wir im Status quo verharren?” Wenn das klar ist, dann braucht es danach Zeit und Raum, das Ideenspiel zu starten und in die Faszination des Expertimentierens einzutauchen.

Experimentieren – Erfolgsfaktor 5

Räume

Experimentieren braucht Räume. Welche Räume meine ich? Natürlich braucht es die physischen Kreativräume und Labore, die anregen, stimulieren, ermöglichen. Es braucht aber vor allem mentale Räume, es braucht Kommunikations- und Entscheidungsräume. Es braucht:

  • den Raum zum Sparring, zur Diskussion.
  • den Raum, wahrzunehmen, wirken zu lassen.
  • den Raum, ergebnisoffen zu arbeiten.
  • den Raum zu sein, ohne bewertet zu werden.

Und vor allem braucht es Raum, komplett selbst gestalten zu können, wie das Experimentieren abläuft. Der Weg ist das Ziel. Er ist weder vorgeschrieben, noch wird er im Detail angeschaut und bewertet. Es ist in der Verantwortung desjenigen, der experimentiert, andere an seinem Prozess teilhaben zu lassen. Er bestimmt, wie viel Feedback er einfordert, er bestimmt das Tempo.

Experimentieren – Erfolgsfaktor 6

Expertise

Natürlich setzt Experimentieren auch Expertise voraus. Expertise in einem bestimmten Bereich – das muss nicht der Bereich sein, in dem experimentiert wird, aber es sollte eine Schnittmenge geben. Warum? Ohne jegliche Expertise werden wir bestimmte Dinge nicht wahrnehmen. Wenn wir sie nicht wahrnehmen, können wir sie nicht hinterfragen. Wir können sie nicht weiterentwickeln oder in andere Zusammenhänge stellen. Zu viel Expertise in dem Themenbereich des Experiments hingegen macht blind. Wir rutschen dann – ohne es zu wollen – doch wieder in Bewährtes und Bekanntes. Damit wird kaum Neues entstehen.

Dies spricht dafür, in Teams zu experimentieren. Teams , in denen die Mitglieder unterschiedliches Wissen haben, verschiedene Erfahrungen gesammelt haben und somit aus diesen verschiedenen Perspektiven und dem Austausch darüber etwas Fruchtbares entsteht.

Das gelingt aber nur, wenn in diesem Team eine starke Vertrauensbasis herrscht und damit psychologische Sicherheit garantiert. Sonst wird nicht quer gedacht, “dumme” Fragen werden nicht gestellt. Aber genau das gehört zum Experimentieren dazu.

Experimentieren – Erfolgsfaktor 7

Lessons Learned

Jeder Experimentierprozess sollte zwischenzeitlich und rückblickend analysiert werden. Was waren Faktoren, die Experimentieren gefördert haben? Welche Form von Austausch war hilfreich? Wie stark hat unser Vertrauen im Team gehalten? Was hat gehemmt oder behindert? Was behalten wir beim nächsten Mal bei? Was müssen wir zukünftig verändern?

So einen Lernprozess durchzuführen erfordert die Fähigkeit, zwischen Ergebnis und Prozess zu trennen. Denn Fokus der Lessons Learned ist der Prozess. Deshalb macht es an dieser Stelle Sinn, das Team um einen erfahrenen Moderator zu erweitern, der nicht Teil des Experimentierens war, sondern nur die Aufgabe hat, durch den Lessons Learned Prozess zu führen und dafür zu sorgen, dass die Erkenntnisse so dokumentiert werden, das sie als Impuls für zukünftige Kreativprozesse genutzt werden können.

Fazit

Was heißt das für Unternehmen?

  1. Unternehmen brauchen eine Vertrauenskultur, die psychologische Sicherheit gewährleistet und damit Querdenken und Experimentieren ermöglicht.
  2. Unternehmen brauchen eine Fehlerkultur, die es Mitarbeitern und Führungskräften ermöglicht, angstfrei Neues auszuprobieren.
  3. Unternehmen brauchen Diversität – auch in Form von Kooperationen.
  4. Unternehmen brauchen Labore und Spielräume.
  5. Unternehmen brauchen eine andere Art zu führen. Weg von Detailkontrollen und Prozessvorgaben hin zu motivierenden Zielvorstellungen, die alle dazu einladen, mit Kopf und Herz dabei zu sein.

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