Im Gespräch mit Dr. Kirsten Wenner

Frau Dr. Wenner, was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Das ist gar nicht so einfach, in einem Satz zu beantworten. Mein Beruf macht mich wahnsinnig zufrieden. Als Ärztin zählt für mich der Kontakt mit den Menschen. Es ist nicht nur das Wissen, helfen zu können. Es ist vielmehr die Chance ganz unterschiedliche Menschen zu erleben und mit ihnen in einen Kontakt treten zu können, den nicht jeder von uns erfährt. Wenn man im Beruf mit Menschen zu tun hat und es dabei um Gesundheit geht, ist automatisch eine andere Bedürftigkeit und damit eine andere Offenheit im Spiel. An vielen Tagen gehe ich mit einer großen Dankbarkeit nach Hause, weil ich Erfahrungen gemacht habe, die mich mein Leben anders betrachten lassen.

Ich lerne kleine Momente anders zu schätzen. Ich bin auch dankbar dafür, dass Menschen sich offenbaren und ganz persönliche Dinge mit mir teilen. Auch wenn es sicherlich mit meiner Rolle als Ärztin zu tun hat, dass Personen sich mir anvertrauen, ist es doch nicht selbstverständlich.

Ergänzend zu diesem menschlichen oder zwischenmenschlichen Aspekt reizt mich natürlich auch das Fachliche. Wenn ich rausfinde, was ein Patient wirklich hat – vor allem, wenn es komplexe Krankheitsbilder wie Entwicklungsstörungen oder Epilepsien sind – macht mich das zufrieden. Wenn ich abends mit dem Wissen heim gehe, dass meine Patienten jetzt rundum betreut und versorgt sind, macht mich das zufrieden. Neben Therapien oder Medikamenten bekommen meine Patienten und bei Kindern natürlich auch die Eltern vor allem Sicherheit. Sie können mit der Sicherheit die Praxis verlassen, dass wir das gemeinsam hinbekommen und Heilung oder Linderung möglich ist.

Da hilft es mir, dass ich neben der klassischen Schulmedizin auch TCM beherrsche. Somit schaue ich noch ganzheitlicher auf den Menschen. Körper und Seele sind eine Einheit. Diese lässt sich nicht trennen. Und beide Aspekte sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Heilung betrachten und nutzen zu können, ist für mich als Ärztin vor allem auch für meine Patienten ein Gewinn.

Und daher kann ich sagen: Auch wenn ich ursprünglich Germanistik studieren und Journalistin werden wollte, bereue ich meine Entscheidung für das Medizinstudium und für meinen Beruf keine Sekunde. Für Menschen da zu sein, ist genau das, wofür mein Herz schlägt.

Welche Parallelen gibt es zu dem, was wir tun, der Persönlichkeitsentwicklung?

Viele. Ich muss sehr schnell rausfinden, was für ein Typ Mensch meine Praxisräume betritt. Wie kann ich ihn öffnen? Wie muss ich ihm begegnen? Braucht einer einfach nur ein Gespräch oder sind darüber hinaus Behandlungen erforderlich? Gesprächsführung ist entscheidend für einen Arzt, auch wenn das in der Ausbildung total untergeht. Bei der Zulassung zum Medizinstudium zählt der NC, nicht die Empathie oder die Kommunikationsfähigkeit.

Aber ist jemand ein guter Arzt nur weil er gut auswendig lernen kann? Aus meiner Sicht nicht. Ich finde, es ist neben der Fachlichkeit die Menschlichkeit, die einen Arzt ausmacht. Dazu zählt auch, sich auf Menschen einzustellen. Warum erzählt mir der Patient das, was er mir erzählt genauso, wie er es mir erzählt? Ist es wirklich das, was er mir erzählt oder ist da noch etwas Ungesagtes, was von zentraler Wichtigkeit ist?

Gerade in der Kinderheilkunde habe ich nicht einen, sondern gleich zwei oder drei Patienten. Da brauche ich nicht nur den Blick für das Kind sondern auch für die Eltern, für das, was zwischen denen passiert. Was sehen Mutter und Vater anders? Wo gehen Frauen und Männer anders miteinander um? Da spielt das Thema Führung, also Patientenführung eine Rolle. 

Ein Beispiel: Wenn Mütter mit einem jungen Säugling das erste Mal zu mir kommen, spüre ich die Angst der Mütter. Jedes Räuspern, jeder kleine Schnupfen, lässt die Mütter besorgt sein. Und auch wenn ich als Ärztin weiß, dass das normal ist, muss ich die Ängste ernst nehmen und dann so begleiten, dass die Eltern Vertrauen und Sicherheit gewinnen. Und wenn die Kinder dann irgendwann zwei Jahre sind und mir eine entspannte Mutter gegenübersitzt, die auch eine längere Grippe ihres Kindes nicht mehr aus der Bahn wirft, merke ich, dass nicht nur die Kinder groß geworden sind, sondern auch die Eltern.

Wann kommen Ihnen die besten Ideen?

Sehr unterschiedlich. Manchmal einfach so. Manchmal während der Arbeit. Oft, wenn ich für mich alleine bin und laufen gehe. Das ist meine Energiequelle, bei der ich den Blick schweifen lassen kann und im Fluss bin. Dann kommen mir Ideen.

Manchmal auch, wenn ich mit meiner Tochter unterwegs bin und sie beobachte. Manchmal, wenn ich im Alltag Situationen wahrnehme oder Impulse aufschnappe.

Wie wird Ihr Beruf im Jahr 2050 aussehen?

Wie wird sich unser Berufsbild verändern? Das ist eine schwierige Frage, da es heute bereits sehr unterschiedliche Ärzte gibt. Das hängt auch damit zusammen, dass es unterschiedliche Menschen mit ganz verschiedenen Bedürfnissen und Wünschen gibt.

Ich denke, dass sich deshalb noch mehr unterschiedliche Zweige entwickeln werden. Damit meine ich nicht die Fachlichkeit sondern die Art der Behandlung. Ich hoffe sehr, dass es noch mehr Vernetzung gibt, weil unsere Gesellschaft das sucht und braucht. Und mit Vernetzung meine ich Vernetzung zwischen Ärzten, aber auch zwischen Arzt und Heilpraktiker oder Logopäden und Physio- oder Psychotherapeuten.

Eine Entwicklung, die jedoch aus meiner Sicht keinen Dauerhaften Bestand hat, ist die der Fern- oder Online-Diagnostik. In dieser Art der Behandlung bleibt ein zentraler Aspekt auf der Strecke. Der, der Seele. Ferner bin ich davon überzeugt, dass Angst eine treibende und bewegende Kraft bei vielen Menschen und auch in unserer Gesellschaft ist. Und nirgendwo sonst ist die Angst bei Menschen so hoch, als wenn sie ernsthaft krank sind oder vermuten, es zu sein. Und um diese Angst zu nehmen oder zu mindern, brauche ich einen erfahrenen Arzt, der den Patienten in die Augen schaut und erspürt, was diese gerade bewegt.

Ich persönlich möchte 2050 genau da sein, wo ich bin. Nur größer – mit einem Team und zufriedenen Patienten, die ich ein Stück auf ihrem Lebensweg begleiten konnte.

Dr. Kirsten Wenner ist Fachärztin für Kinder- und Jugendheilkunde sowie Neuropädiaterin. In ihrer Praxis in Diessen am Ammersee behandelt sie kleine und große Patienten mit Methoden der klassischen Medizin, der Neuropädiatrie, Chinesischen Medizin und Akupunktur.

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