Sabine Walter im Gespräch mit …

Lucila Pfeiffer, Sommelière und Weinhändlerin

Frau Pfeiffer, was lieben Sie an Ihrem Beruf?

Das ist eine Geschichte, die bereits in meiner Kindheit begann. Ich stamme aus einer Künstlerfamilie, in der Essen und Trinken immer eine große Rolle gespielt haben. Meine Mutter ist Argentinierin. Ich bin in Brasilien geboren, habe in Deutschland und Argentinien gelebt und bin von klein auf mit Genuss aufgewachsen. Und ich durfte auch schon als Kind ein großes Glas Soda mit einem kleinen Schuss Wein trinken. „Damit du schon mal den Geschmack unsere Kultur schätzen lernst“, haben meine Eltern immer gesagt. Aber vielleicht wollten sie auch nur, dass ich früher müde werde und eher ins Bett gehe (lacht).

Doch bevor ich zum Wein kam, war es das Essen, was mich geprägt hat. Ich bin nach meinem Abitur in Hamburg, zurück nach Argentinien gegangen und habe dort bei meiner Oma kochen gelernt. Später habe ich auch meine Ausbildung zur Köchin in Argentinien gemacht.

Aus wirtschaftlichen Gründen verließ ich im Jahr 2014 meine südamerikanische Heimat und ging allein zurück nach Deutschland. Auch hier habe ich erst als Köchin gearbeitet, aber immer stärker den Wein in meine Arbeit integriert. Ich habe Weine zum Essen empfohlen und immer wieder damit geliebäugelt, die Küche ganz zu verlassen.

Vor 2 ½ Jahren habe ich dann den Schritt gewagt und meine Sommelier-Ausbildung bei der IHK gemacht. Seitdem arbeite ich nicht nur als Weinhändlerin für die Gastronomie, sondern berate auch Restaurants bei ihrer Weinauswahl und schreibe Weinkarten für sie. 

Chin-Chin Berlin: Wein ist Tradition und die Liebe zu teilen

Parallel dazu habe ich mein Herzensprojekt gestartet. Das „Chin-Chin“ in Berlin. Dort kann ich Gastgeberin und Weinbotschafterin gleichermaßen sein. Wie mache ich das? Ich bringe bei Verkostungen Menschen zusammen, die sich für Wein interessieren und mehr darüber wissen wollen. Ich teile meine Erfahrung, das Wissen und den Genuss.

Wein ist mehr als rot oder weiß bzw. trocken oder süß. Wein ist mehr als „trinken“. Wein ist Kultur, Sensorik. Wein ist Arbeit. Wein sind auch die Menschen, die ihn herstellen. Wein ist Tradition und die Liebe zu teilen.

Nehmen wir Argentinien und Deutschland. Die Weine, die diese Länder hervorbringen, sind so verschieden wir das „Terroire“, also die Menschen, das Klima und der Boden. Die argentinische Sonne findet sich in den Herzen der Menschen, in der Erde und natürlich im Geschmack wieder. Und bei Argentinien gibt es sogar noch eine Besonderheit. Viele argentinische Winzer sind Einwanderer. Sie kommen ursprünglich aus Italien, Spanien oder Frankreich. Wein herzustellen, ist bei ihnen Familientradition. Und diesen Stolz auf das, was sie seit Generationen erschaffen, den schmeckt man.

Deutschland hingegen achtet sehr auf die Finesse der Weine. Auch hier spiegelt sich das Terroir im Wein wider. Führende Kraft hat der Riesling mit seiner spielerischen Süße und Säure. Familientradition ist auch hier ein großes Thema. Beim deutschen Rotwein hingegen, ist das Temperament etwas zurückhaltend. Ich denke, auch hier spiegelt der Wein Aspekte der deutschen Kultur. Dem wirkt die Sonne etwas entgegen. Denn: je heißer die Jahre, desto temperamentvoller die deutschen Rotweine.

Welche Parallelen gibt es zu dem, was wir tun, der Persönlichkeitsentwicklung?

Persönlichkeitsentwicklung hat viele Facetten. Eine davon ist, sich selbst besser kennenzulernen. Und da bietet der Wein die perfekte Brücke. Wenn man einen Wein verkostet, ihn schmeckt, dann schließt man am besten die Augen. „An welchen Moment erinnert mich der Geschmack? Was geht gerade in mir vor? Welche Emotionen werden wach? Schmeckt mir, was ich gerade probiere?“ Alles das können Fragen sein, die eine solche Verkostung begleiten.

Natürlich geht es auch um Geschmack. Aber man sollte sich immer Zeit nehmen, sich mit dem Wein auseinanderzusetzen. Außerdem finden viele Verkostungen in der Gruppe statt, also mit anderen Menschen. Es entstehen Unterhaltungen, man hört zu, man fragt nach. Man lernt andere kennen und darüber immer ein Stück sich selbst.

Wenn ich meinen Kunden im Rahmen einer Verkostung Wein präsentiere, präsentiere ich immer auch einen Teil seiner Geschichte, seiner Kultur. Das erweitert den Horizont – auch das ist Teil von Persönlichkeitsentwicklung.

Die andere Parallele gibt es zu mir. Ich entwickle mich mit jeder Verkostung, mit jedem neuen Menschen, mit jedem neuen Wein, den ich kennenlerne, weiter. Ich verkoste bis zu 60 Weine am Tag. Ich schmecke Dinge, die mir gefallen, die mich an etwas erinnern und ich mache neue Erfahrungen.

Der Wein kann uns vom Kopf in das Herz bringen, vom Denken ins Fühlen.

Wann kommen Ihnen die besten Ideen?

Im Urlaub. Ich verbringe die meisten meiner Urlaube auf Weingütern, auch auf vielen kleinen Weingütern, die nachhaltig produzieren. 

Und wenn ich dann abends auf dem Weinberg sitze, ein Glas Wein in der Hand, kommen mir die besten Ideen. Für wen ist das, was ich heute erlebt, gesehen und geschmeckt habe, von Interesse? Mit wem kann ich das teilen? Zu welchem Essen passen die Weine, die ich verkostet habe?

Und die Antworten auf diese Fragen kommen genau in solchen Momenten.

Wie wird Ihr Beruf im Jahr 2050 aussehen?

Umfassender als jetzt. Das Interesse am Wein nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Einige Interessenten machen sogar eine Ausbildung zum Sommelier. Verkostungen sind immer mehr gefragt und das Bewusstsein für qualitativ gutes Essen, für gute Getränke und für Genuss wächst.

Ich gehe davon aus, dass sich diese Entwicklung weiter fortsetzt. War Wein früher eher bei der Altersklasse Ü40 aus gesellschaftlich besser gestellten Kreisen gefragt, so gibt es bereits heute viele junge Leute, die Wein trinken und mehr über ihn wissen wollen.

Ich werde also auch in Zukunft mit einer noch breiteren Zielgruppe zu tun haben – von Chefärzten der Charité bis hin zu Endzwanzigern, die einen Junggesellenabschied feiern. 

Da sich mehr Leute aus sich heraus mit Wein beschäftigen, werden die Fragen, die sie mir stellen, interessanter und fordernder. Ich habe also den Ansporn, alles, was mit Wein zu tun hat, noch stärker zu erschließen. Ich denke, dass im Jahr 2050 auch die letzten, die jetzt noch mit Respekt auf Wein und Weinkenner schauen, ihre Schüchternheit und Scheu abgelegt haben und mit Freude an einer Verkostung teilnehmen.

Lucila Pfeiffer ist ausgebildete Köchin und Sommelière. Sie arbeitet als Weinhändlerin und betreibt in Berlin das Chin-Chin, eine Plattform für private Weinverkostungen. In diesem Rahmen kommt die Weinbotschafterin nach Hause und führt eine ganz persönliche Weinverkostung durch. Anhand eines vorgeschlagenen Themas, wie z.B. Südamerika, taucht sie einen Abend lang mit ihren Kunden in die Welt der Trauben ein. Dazu gibt es Wein und passende selbstgekochte Leckereien.

PS: Auf meine letzte Frage: „Wenn Sie sich mit einem Wein beschreiben würden, welcher wäre das?“, antwortet Lucila Pfeiffer:

Diese Frage hat mir tatsächlich noch niemand gestellt. Es wäre auf alle Fälle ein komplexer Wein; sehr fruchtig, leichte Säure. Ich denke, es wäre ein Sauvignon Blanc mit einer Note von Ananas. Es wäre ein Sauvignon Blanc Réserve, im Holzfass gereift, mit einer gewissen Schmelzigkeit und gut kombinierbar mit exotischen Gerichten.

Portrait Constanze Hintze

Unternehmergespräch mit Constanze Hintze

Die tagtägliche Arbeit mit Menschen liebt Constanze Hintze an ihrem Beruf. Sie ist Vermögensexpertin und Geschäftsführerin der Svea Kuschel + Kolleginnen Finanzdienstleistungen für Frauen und wagt im Unternehmergespräch mit Sabine Walter auch einen Blick in die Zukunft ihres Berufs.

Portrait Sabine Walter

Unternehmergespräch mit Sabine Walter

“Warum nicht einmal die Frau interviewen, die dieses Format initiiert hat?”, dachte sich Tomislav Bodrozic, Geschäftsführer der Fabula Games GmbH, bei seinem Unternehmergespräch. Er gab damit Sabine Walter die Chance eines Perspektivwechsels.

Portrait Tomislav Bodrozic

Unternehmergespräch mit Tomislav Bodrozic

Dieses Unternehmergespräch führten wir mit Tomislav Bodrozic, Geschäftsführer der Fabula Games GmbH. Mit seinem Team entwickelt er Serious Games und trägt so dazu bei, dass Lernen eine schöne und positive Erfahrung wird. Wie so ein Serious Game entsteht und wie Lernen im Jahr 2050 aussehen kann, lesen Sie in diesem Interview.

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